Unser Gemeinde-Blog

Lichter im Dunkel

Am 20. August vor 50 Jahren verstarb Pfarrer Theodor Dipper. Von 1938-45 wohnte er, wie wir heute, im Pfarrhaus der Mauritiuskirche in Reichenbach. Mittlerweile trägt der Platz vor der Kirche seinen Namen. Dafür gibt es einen guten Grund.

Pfarrer Dipper war zur Zeit des Nationalsozialismus in der Bekennenden Kirche aktiv. Er wehrte sich gegen die Vereinnahmung der Kirche durch die NS-Ideologie und ihre Vertreter. Das brachte ihm Gegenwind, Redeverbot und Lagerhaft im Konzentrationslager in Welzheim ein. Aber er ließ sich den Mund nicht verbieten und stand weiterhin zusammen mit seiner Frau Hildegard für seine Überzeugungen ein.

Spricht man mit Reichenbachern heute über ihn, so ist nicht nur sein Mut und seine kantige Art ein Thema. Er stand außerdem im zweifelhaften Ruf ein „verfressener Pfarrer“ gewesen zu sein. Wie war es dazu gekommen? Wenn Pfarrer Dipper seine Hausbesuche machte und ihm Essen angeboten wurde, lehnte er dankend ab verbunden mit den Worten: „Aber ich nehme gerne etwas mit.“ So wurde er selbst in den kargen Kriegsjahren oft mit Brot, Eiern und anderem versorgt. Mit gefüllten Taschen sah man ihn dann im Dorf dem Pfarrhaus zustreben. Der Grund für sein eigenartiges Verhalten: Es gab im Pfarrhaus noch mehr Menschen zu verköstigen als die, von denen die Menschen wussten und für die es Lebensmittelkarten gab.

Immer wieder versteckte die Familie Dipper flüchtige Juden und bewahrte sie so vor dem sicheren Tod. Dass die Familie dadurch selbst in Lebensgefahr geriet, nahmen sie in Kauf. Ihr tiefer Glauben und die Überzeugung, dass die Juden, dass Israel immer noch Gottes erwähltes Volk sind und dass wir als Christen an ihrer Seite zu stehen haben, verliehen ihnen Kraft und Mut.

Hilfreich war dabei das Netzwerk der Württemberger Pfarrhauskette. Um die Gefahr zu mindern, wurden die flüchtigen Menschen auf abenteuerlichen Wegen weitergeleitet an andere Pfarrersfamilien, mit denen man sich im selben Geist verbunden wusste. Wenige Menschen am Ort waren eingeweiht. Zu ihnen gehörte auch der Fabrikant Otto, der mit seinem LKW unbezahlbare Kurierdienste leistete. Das jüdische Ehepaar Krakauer berichtet in dem Buch „Lichter im Dunkel“ über diese Geschehnisse. Der Staat Israel erkannte die Verdienste von Hildegard und Theodor Dipper an und verlieh ihnen 2008 die Ehrenmedaille von Yad Vashem.

All das ist für mich nicht nur ein interessanter Rückblick. Im August haben wir, wie jedes Jahr den sogenannten „Israelsonntag“ gefeiert. Dieser Tag erinnert uns in besonderer Weise an unsere Verbundenheit als Christen mit dem jüdischen Volk. Wir wurzeln in den Traditionen der hebräischen Bibel, unserem Altem Testament. In der Tiefe verstehen lässt sich unser Glaube nur von daher. Uns verbindet der Glaube an den „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“. Wir folgen einem Herrn, der selbst Jude war und dessen Sendung zuerst und zuletzt diesem Volk galt und gilt. Paulus fasst diese tiefe Verbundenheit im Bild vom Ölbaum Israel, in den die Christen als wilder Zweig eingepflanzt sind.

Dabei erinnere ich mich an eine ARD Dokumentation. Darin wurde von aktuell wachsendem Antisemitismus und Judenfeindlichkeit in Deutschland berichtet. Von gewalttätigen Übergriffen auf Juden und jüdische Einrichtungen. Jüdische Kinder werden in den Schulen gemobbt und Juden haben wieder Angst sich in der Öffentlichkeit als solche erkennen zu geben. Dabei ist es nicht nur der Judenhass aus rechtsradikalen oder islamistischen Kreisen der Sorge macht. Noch bedenklicher ist, dass es in der Mitte der Gesellschaft wieder salonfähig ist, Israel an den Pranger zu stellen, zum Boykott israelischer Waren aufzurufen, den Konflikt mit den Palästinensern dem Holocaust gleichzusetzen etc.

Selbstverständlich muss nicht alles, was in der israelischen Tagespolitik geschieht unsere ungeteilte Zustimmung finden. Aber wir machen es uns viel zu leicht, wenn wir uns, oft einseitig informiert, ein Urteil erlauben über dieses Volk.

Ich möchte mich von Theodor Dipper inspirieren lassen, wachsam zu sein und diesem Trend nicht zu folgen. Ich möchte Sie, liebe Leserinnen und Leser, ermutigen: Informieren Sie sich aus verschiedenen Quellen, suchen Sie den Kontakt zu jüdischen Menschen und ihren Einrichtungen, halten Sie Augen und Ohren offen und haben Sie den Mut aufzustehen, wo Menschen aus Unkenntnis oder bewusst, wieder die Saat des Misstrauens und des Hasses gegen das jüdische Volk säen. Lassen Sie uns gemeinsam aufstehen und für sie einstehen und für andere, die aufgrund Ihrer Überzeugungen, Herkunft oder Kultur unter die Räder kommen. So können auch wir heute Lichter im Dunkel sein.

Mit herzlichen Grüßen,
Ihr Pfarrer Siegfried Häußler

Schlagwörter des Beitrags

Impuls   Theodor Dipper   Engagement  

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